Auf der Strasse hören Dir Menschen zu, die normalerweise niemals in ein Konzert von dir gehen würden.
 
Seit mehr als zehn Jahren gehören Äl Jawala bereits zu den Big-Player des globalen Dancefloors, und haben sich mit unzähligen Konzerten eine treue Hörerschaft erspielt. Anlässlich ihrer neuen CD "Hypnophonic" sprachen wir mit Markus Schumacher über den Entstehungsprozess des Albums, ihrer Anfangszeit als Strassenmusiker, und wie es sich anfühlt in Shanghai vor 5000 Chinesen ein Konzert zu geben.
 
äl jawala pic by felix groteloh
 
 
 
Stell euch bitte kurz vor, für alle die Äl Jawala vielleicht noch nicht kennen.
 
Wir sind Äl Jawala, aus Freiburg und Marseille. Stefanie Schimmer (Alt Sax & Gesang) ) Krischan Lukanow (Tenor Sax) Daniel Verdier (Bass & Gitarre) Daniel Pellegrini (Drums & Didgeridoo) Markus Schumacher (Percussion & Synths). Wir haben vor 16 Jahren als Strassenmusiker angefangen. Zur Zeit sind wir mit unserem neuen Album Hypnophonic auf ausgedehnter Release-Tour. Die Festival Saison hat gerade angefangen und wir freuen uns auf Shows in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Spanien, Tschechien, Österreich, Kanada und im Herbst China.
 
Die Band gibt es nun bereits seit 2000. Wie kamt ihr damals auf die Idee Äl Jawala zu gründen?
 
Die Band hat sich damals durch viele glückliche Zufälle aus einer Art "Jam-Session-Kollektiv" entwickelt. Diese Sessions fanden hauptsächlich im Freien statt - auf Bergen, an Seen unter Brücken (super Klang) und später dann auch in der Fußgängerzone unserer Heimatstadt Freiburg. Die Musik die wir spielten war für die meisten Ohren völlig neu, wir haben regelmässig die ganze Strasse blockiert, weil sich so viele Leute um uns gesammelt hatten.
 
Was uns von Anfang an am meisten interessiert hat war dieser spezielle orientalische Sound - Rabi Abou-Khalil war ein starker Einfluss. Aber auch traditionelle Musik aus dem Arabischen Raum, Marokko, etc. (daher auch der arabische Name, Äl Jawala bedeutet "die Reisenden / fahrendes Volk"). In dieser Zeit haben wir viele alte Aufnahmen ausgegraben und geforscht, und so sind wir auch auf Aufnahmen aus Guca, Rumänische Volksmusik, Esma Rezdepova und die Soundtracks von Goran Bregovic gestoßen.
 
Eigentlich wollten wir gar nicht viel mehr als einfach diesen Sound „nachzuspielen“. Aber durch unsere reduzierte Besetzung (damals zwei Saxophone und zwei Percussionsets) hat sich das Ganze völlig verändert. Dazu kommt, daß wir in den 90ern mit Techno, Drum & Bass, Hip Hop und Grunge aufgewachsen sind. Die Art wie wir die Songs gespielt haben war also alleine durch unseren musikalischen Background und unsere Hörgewohnheiten schon viel „rockiger" und urbaner als die ursprünglichen traditionellen Songs. Diesen Stil nannten wir dann einfach BALKAN BIG BEATS.
 
Als Quartett sind wir dann mit einem alten VW Bus durch Deutschland, Schweiz und Frankreich getourt. 2004 kam unser Bassist Daniel Verdier zur Band und in dieser Besetzung sind wir bis heute unterwegs.
 
Ihr habt vor kurzem euer neues Album “Hypnophonic” veröffentlicht. Was für Reaktionen habt ihr bisher aufs Albm erhalten und wie ist der Albumtitel zu verstehen?
 
Hypnophonic steht für hypnotisierenden Klang, Musik die in die Tiefe geht und in Trance versetzt. Es ist so eine Art Kurzformel für das, was uns wichtig ist und wie wir uns unsere Musik vorstellen. Wir lieben es wenn der ganze Saal tanzt, aber es soll noch mehr mitschwingen. Etwas, was eine oder zwei Ebenen tiefer wirkt und bleibt, auch nach dem Konzert.
 
Wir freuen uns darüber, wie das Album ankommt. Im Vergleich zu unseren letzten Veröffentlichungen hatten wir mit Hypnophonic deutlich mehr Airplay. Wir finden es besonders schön, daß es wirklich alle Songs des Albums ins Radio geschafft haben. Nicht nur die Singles "Voodoo Rag" und "Be Anybody", sondern auch experimentellere, kantigere Songs wie "What do you care", "Circles" oder "Road to Eldorado".
 
Es gibt natürlich auch kritische Stimmen, die auf Hypnophonic das gute alte Äl Jawala Strassenmusik-Feeling vermissen, oder denen das Album etwas zu eklektisch ist. Das kann ich schon nachvollziehen, liegt aber in der Natur der Band. Der Drang zur Veränderung, dem wir uns gerne hingeben, ergibt sich aus unserer Geschichte. Wir haben uns nie einem Konzept untergeordnet, haben immer die Einflüsse aufgesogen und reflektiert, die uns auf unserem Weg begegnet sind. Und so war es ganz natürlich, daß sich unser Sound im Laufe der Zeit verändert, weil wir inzwischen auch nicht mehr so oft auf der Strasse spielen, sondern auf Bühnen. Die Musik wurde dadurch im Laufe der Zeit etwas „plakativer“ als in unseren Anfängen, würde ich sagen. Der Abstand zwischen den Musikern und der Abstand zum Publikum beeinflusst die Art zu spielen sehr stark. Zumindest geht das uns so.
 
Wie entsteht eigentlich ein Äl Jawala Song? Woher holt ihr euch die Insperation?
 
Die meisten Äl Jawala Songs entstehen als kurze Ideen und Melodie-Fragmente die jemand im Kopf hat und dann vielleicht als kurze Skizze aufnimmt oder zur Erinnerung ins Handy einsingt. Mir zum Beispiel kommen solche Melodien meistens auf dem Fahrrad, oder genau in dem Moment, wenn ich das Haus verlasse. Keine Ahnung warum genau dann… Ich hab inzwischen jedenfalls eine riesige Ideensammlung eingesungen… Finde ich eine Idee auch noch beim Anhören am nächsten Tag gut, dann zeige ich sie den andern und wir jammen sie dann gemeinsam und so entwickelt sich ein Song weiter. Für Hypnophonic waren anfangs sicher an die 50 solcher „Ideenstränge“ unterwegs. Dieses Album haben wir ja komplett in Eigenregie im Proberaum aufgenommen und anschliessend editiert. Das war sehr angenehm, da wir mit viel weniger Zeitdruck arbeiten konnten als bei Studioaufnahmen.
 
Für den Song “Be Anybody” habt ihr ein starkes Video gedreht. Um was geht es im Song und wer hatte die Idee für die visuelle Umsetzung?
 
Be Anybody ist ganz anders entstanden als die meisten Songs. Die Melodie kam mir, mitsamt dem Text, während eines Spaziergangs am Neujahrsmorgen in München. Wir hatten in der Silvesternacht beim Tollwood Festival gespielt, und ich bin dann am nächsten Morgen vor der Weiterfahrt noch durch die Straßen gelaufen und hab die Stimmung genossen. Ich hab dann die Ideen aufgenommen, es war eine der ersten Ideen mit Text, und wir haben den Song dann tatsächlich eins zu eins so aufgenommen, wie er skizziert war. In dem Song geht es um mehrere Aspekte von „Be Anybody": voll und ganz man selbst sein zu können und das zu geniessen, sich in jemanden anderes hineinversetzen und dadurch ein Gefühl für´s große Ganze zu gewinnen, sich selbst durch eigene Kraft verändern zu können, die Möglichkeit zu haben "ein anderer Mensch zu werden", die große Vielfalt wahrzunehmen und diesen Reichtum zu feiern. In dem Song mehrere Stimmen abwechselnd singen zu lassen war ja fast schon eine logische Konsequenz aus dem Text. Ich kann es mir heute gar nicht mehr vorstellen, daß der Song nur von einer Person gesungen wird. Wir hatten keine Ahnung ob der Effekt so rüber kommt wie wir dachten, aber mit dem Ergebnis waren wir dann sehr zufrieden!
 
Wir hatten damals schon die Single und Video zu Voodoo Rag veröffentlicht, und wollten auf jeden Fall noch einen zweiten Song "verfilmen". "Be Anybody" hatten wir anfangs gar nicht auf dem Schirm als es darum ging welcher Song es sein soll. Er ist ja eher mellow und ungewöhnlich für uns. Aber als dann die Idee konkreter wurde und die ersten Bilder im Kopf entstanden sind, war es schnell entschieden.
 
Die konkrete visuelle Umsetzung (minimalistischer Hintergrund, farbige Tücher) lag dann in den Händen von Murxen Alberti und Benni Beblo (Passt schon Productions), Freunde von uns aus München, und beide Musiker bei Jamaram.
 
Die Message des Songs war in der ursprünglichen Idee eigentlich eine sehr persönliche. Aber aufgrund der aktuellen politischen Situation bekommt der Text und das Video nun eine neue Dimension, weil man es mit anderen Hintergedanken anschaut. Viele verstehen es, vereinfacht gesagt, als einen Aufruf zu mehr Toleranz und zu Respekt. Das ist natürlich gut so! Aber wenn man diese grundsätzlichen menschlichen Fähigkeiten mal als gegeben voraussetzt, kann man noch mehr in dem Song entdecken…
 
Ihr habt auf diesem Album sehr viele GastsängerInnen dabei. Wie kam es dazu?
 
Das hat sich während den Sessions entwickelt und war ursprünglich gar nicht in diesem Umfang geplant. Aber mit der Arbeit zum Hypnophonic Album kamen auf einmal, neben den Melodien, auch konkrete Textideen. Das war neu! Diese Ideen wollten wir also auf jeden Fall weiter entwickeln, erstmal ohne konkret zu wissen wie wir sie am Ende umsetzen werden. Mit Flo Mega (Intergalactic Medusa) und Rukie (Road to Eldorado & Voodoo Rag) haben wir schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet. Beide sind gute Freunde von uns und großartige Musiker, mit denen es eine Freude ist zusammen Musik zu machen. Mamoudou Doumbouya ist Griot und lebt in Freiburg. Ihn wollten wir schon immer mal als Gastsänger einladen. Mit Djanto hatten wir den passenden Song für Ihn. Es geht um Flucht, um Träume und die Realität - Frei übersetzt: „Pass gut auf Dich auf“.
 
Das größte Gesangs Projekt war der Song "Be Anybody", bei dem wir ein Duzend Sänger und Sängerinnen eingeladen hatten. Darunter viele Freiburger Musiker aber auch die beiden Freundinnen Bayan Faroun und Shira Shturman aus Jerusalem, die im Rahmen eines Studentenaustausches in Freiburg unterwegs waren, als wir nach Sängern für das Projekt gesucht haben. Bayan haben wir dann auch den Song Al Bint El Chalabia vorgespielt, den wir eigentlich schon komplett als Instrumental aufgenommen hatten. Das ist ein Arabischer Klassiker, ein Volkslied, bekannt geworden durch die Sängerin Fairuz. Bayan hatte Lust ein paar Takes zu machen und so wurde aus dem Instrumental ein Song, den wir dann bewusst auch in einer sehr klassischen Form belassen haben, als eine Art Arabische Cumbia.
 
Und zwei der Songs (Dancefloor Dervish und Heart Overload) hat unsere Saxophonistin Steffi eingesungen. Anfangs nur um die Ideen fest zu halten, aber als wir die Aufnahmen gehört haben, beschlossen wir, daß wir sie genau so auf´s Album nehmen wollten! Für die Tour haben wir dann auch einige der ursprünglichen Gastvocal-Songs für Steffi arrangiert, was uns großen Spaß macht!
 
Mit Stimme können wir die Konzerte ganz anders gestalten und einen viel direkteren Draht zum Publikum aufbauen. Das ist natürlich keine überraschend neue Erkenntnis, aber wir waren eben die letzten 15 Jahre als reine Instrumental Band unterwegs.
 
Ihr seid eine ausgesprochenen Live-Band, und habt auch an sehr vielen Orten und fast auf der ganzen Welt gespielt. Gibt Erlebnisse die euch speziell in Erinnerung geblieben sind? Im positiven wie auch im negativen.
 
Ja, wir haben natürlich sehr viel Schönes erlebt in so vielen Jahren, wie die ersten Strassenmusik Auftritte beim TFF Rudolstadt und der Fusion.
Dann 2005 unser erstes Konzert in Rumänien, beim Stufstock Festival am Schwarzen Meer, in Bulgarien oder in Istanbul, wo wir voller Spannung waren, wie unser "Balkan Bastard Sound" in den Ursprungsländern ankommt. Und wir waren so überwältigt von den positiven Reaktionen und der völlig neuen Wahrnehmung unserer Musik. Die Leute dort hörten viel unmittelbarer, wo unsere Persönlichkeit eingeflossen ist, da sie die Wurzeln der Musik kannten.
 
Im Gegensatz dazu standen bei der Weltausstellung in Shanghai 5000 Menschen aus ganz China vor unserer Bühne, die uns ganz unvoreingenommen hören konnten, ohne die Stile einzuordnen. Sie spürten einfach nur die pure Energie der Musik. Ein Traumpublikum, das jeder winzigen Nuance zu folgen schien, und das auch zeigte.
 
Und dann natürlich die vielen vielen Strassenmusik Begegnungen. Auf der Strasse hören Dir Menschen zu, die normalerweise niemals in ein Konzert von dir gehen würden. Sei es weil sie zu jung, zu alt, zu arm, zu reich, zu spiessig, zu cool oder sonst was sind…. Lustig auch die vielen Geschichten die uns Zuhörer aus Bulgarien, Rumänien, Griechenland, Albanien, Kosovo, Türkei, über „Ihre“ Musik erzählt haben und die es meistens kaum glauben konnten, daß wir vier Deutsche und ein Franzose sind.
 
Ja, es gab auch unerfreulichere Dinge, die mir von unseren Reisen in Erinnerung geblieben sind. Zum einen die Überraschung darüber, wieviel Verachtung den Roma im Osten Europas entgegengebracht wird. Und zum anderen das persönliche Erleben, wie beklemmend es ist, wenn wie im Osten Asiens, der Zugang zu vielen freien Medien gesperrt ist.
 
Was steht als nächstes an? Wohin geht die Reise mit Äl Jawala?
 
Dieses Sommer und Herbst sind wir wie gesagt noch richtig viel unterwegs, unter anderem bis nach Kanada und China. Aber nächstes Jahr wollen uns etwas Ruhe gönnen, mal was Anderes machen, zum Beispiel für unsere Freunde und Familien da sein oder verreisen. In unserer Heimatstadt Freiburg werden wir die Jawala School of Music eröffnen, eine bandeigene Schule, die sich neben dem normalen Instrumentalunterricht auch der Arbeit mit Bands widmet. Und wenn wir dann völlig ausgehungert wieder im Proberaum zurückkehren, nehmen wir einfach die erste Session auf und veröffentlichen sie als neues Album :-)
 
Wir sind schon jetzt gespannt! Vielen Dank für das Interview Markus, und weiterhin viel Erfolg mit Äl Jawala.
 
 
Das Interview führte Robert Lippuner

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